Projekt Tellus: softwaredefinierte Netze für Gaia-X
Das Gaia-X-Projekt Tellus ist abgeschlossen: eine Infrastruktur, die Netz- und Cloud-Dienste automatisch findet, kombiniert und mit Garantien bereitstellt. KAEMI hat als Konsortialpartner am softwaredefinierten Netzwerk-Teil mitentwickelt. Ein Rückblick.
Ende Januar 2025 hat das Gaia-X-Projekt Tellus seine Implementierungsphase abgeschlossen. Drei Jahre lang haben zehn Unternehmen und Forschungseinrichtungen unter Leitung des Internetknoten-Betreibers DE-CIX an einer Frage gearbeitet, die uns bei KAEMI täglich begleitet: Wie lassen sich Netzverbindungen mit garantierter Qualität so einfach bestellen und schalten wie eine Cloud-Ressource? KAEMI war Teil des Konsortiums und hat vor allem den softwaredefinierten Netzwerk-Teil mitentwickelt. Zeit für einen Blick auf das Ergebnis.
Worum es bei Tellus ging
Moderne Anwendungen laufen selten an einem einzigen Ort. Ein digitaler Zwilling bezieht Daten aus der Fabrik, rechnet in einer Cloud und spielt Ergebnisse an Maschinen und Menschen zurück. Für solche Szenarien reicht Best-Effort-Internet nicht aus: Sie brauchen Verbindungen mit zugesicherter Bandbreite, niedriger Latenz und belegbarer Sicherheit, quer über die Systeme mehrerer Anbieter hinweg.
Genau da setzte Tellus an. Wer bisher eine geschäftskritische Anwendung über verteilte Infrastrukturen betreiben wollte, kaufte Leitungen, Cloud-Ressourcen und Dienste einzeln ein und kombinierte sie von Hand, ohne Garantien von Ende zu Ende. Tellus automatisiert diesen Prozess: Eine Gaia-X-konforme Infrastruktur findet, kombiniert und provisioniert Netz- und Cloud-Dienste anhand der Anforderungen der jeweiligen Anwendung.
Gefördert wurde das Projekt im Gaia-X-Förderwettbewerb des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz mit rund 8,75 Millionen Euro, bei 36 Monaten Laufzeit ab November 2021. Im Konsortium arbeiteten neben DE-CIX und KAEMI auch Cloud&Heat, Mimetik, plusserver, das CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit, SpaceNet, WOBCOM, TRUMPF und IONOS.
Ein Software-Layer über dem Internet
Technisch ist Tellus ein domänenübergreifendes SDN: eine softwaredefinierte Vernetzungsschicht, die auf der bestehenden Internet-Infrastruktur aufsetzt und sie um Automatisierung und Leistungsgarantien erweitert. Statt neue Leitungen zu verlegen, beschreibt Software, was eine Anwendung braucht, und setzt die passende Verbindung aus vorhandenen Bausteinen zusammen.
Die Architektur folgt einem hierarchischen Konzept. Jeder Teilnehmer betreibt einen eigenen Tellus Node, ein logisch zentraler Super Node übernimmt die Vermittlung. Anbieter registrieren ihre Dienste in einer Service Registry, zusammen mit den Leistungswerten, die sie garantieren, und den Sicherheitsanforderungen, die sie erfüllen. Fragt eine Anwendung eine Verbindung an, gleicht der Controller das Anforderungsprofil mit der Registry ab, ermittelt über eine Graphdatenbank mit gewichteter Pfadsuche die passende Kette aus Diensten und provisioniert sie über APIs. Die Anmeldung setzt auf Self-Sovereign Identity: Nutzer weisen ihre Identität nach, ohne die Kontrolle darüber abzugeben.
Unser Part: das softwaredefinierte Netz
KAEMI hat im Projekt hauptsächlich am Netzwerk-Layer mitentwickelt, also an der Schicht, die aus einer Bestellung eine funktionierende Strecke macht. Unsere Erfahrung aus dem Betrieb von SD-WAN und Standortvernetzung floss dort ein, wo Konzept und Alltag sich treffen: wie sich Verbindungen zwischen Standorten, Rechenzentren und Clouds beschreiben, automatisiert schalten und im Betrieb überwachen lassen, und was eine Leistungsgarantie wert ist, wenn niemand sie misst.
Spannend war für uns der Perspektivwechsel. Im Tagesgeschäft bauen wir Netze für einzelne Unternehmen. Tellus fragt: Was passiert, wenn viele Anbieter ihre Netz- und Cloud-Bausteine in einen gemeinsamen Katalog legen und eine Software daraus Verbindungen von Ende zu Ende komponiert?
Was der Prototyp zeigt
Zum Abschluss stand ein lauffähiger Proof of Concept: Über eine Oberfläche lassen sich virtuelle Netze und Dienste so zusammenstellen, dass sie die Anforderungen konkreter Industrieanwendungen erfüllen. Drei Anwendungsfälle haben das Projekt von Beginn an geleitet: ein Datenhandschuh von Mimetik, der Handbewegungen in Echtzeit an einen Roboter überträgt, ein digitaler Zwilling von IONOS, der Produktionsschritte simuliert und live überwacht, und vollautomatische Laserschneidanlagen von TRUMPF, deren Pay-per-Part-Modell auf verlässliche, dynamische Netze angewiesen ist.
Warum das Ergebnis zählt
Tellus ist als Open-Source-Software angelegt und deckt die gesamte Lieferkette von Interconnection-Diensten ab. Das Projekt zeigt, dass sich Konnektivität mit Garantien wie ein Produkt katalogisieren und buchen lässt, Gaia-X-konform und über Anbietergrenzen hinweg. Für eine Datenökonomie, in der Unternehmen sensible Daten teilen und gemeinsam verarbeiten wollen, ist das ein Grundbaustein. Digitale Souveränität betrifft eben neben dem Speicherort der Daten auch den Weg, den sie nehmen.
Das Ergebnis bestätigt eine Entwicklung, die wir auch im Tagesgeschäft sehen: Starre Leitungen weichen softwaredefinierten Verbindungen, die sich in Minuten schalten und an den Bedarf anpassen lassen, bis hin zur privaten Cloud-Anbindung . Details zum Projektabschluss stehen in der Pressemitteilung von DE-CIX .